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Kennen Sie das: Eine große Aufgabe steht vor einem, die Zeit drückt mehr und mehr und man fängt an, seinen Schreibtisch aufzuräumen, die Wohnung in Ordnung zu bringen, noch mal eben ein paar liegengebliebene E-Mails zu beantworten, aber nicht das zu tun, was anliegt? Sicher, wer kennt das nicht!
Es gibt aber Personen, die in solchen Situationen kaum nervös werden, den Druck wie einen Motor brauchen und zum Schluß enorm zulegen. Je näher der Zeitpunkt des Zieleinlaufs rückt, um so konzentrierter und intensiver arbeiten solche Menschen an der Aufgabe und können dann alles andere "wegdrücken". Meistens werden sie auch rechtzeitig fertig oder kurz danach. Das Ergebnis ist nicht selten besser als bei Leuten, die ruhig und gut geplant die gleiche Aufgabe rechtzeitig und ohne Hetze durchziehen. Das ist die positive Sicht.
Diese Last-Minute-Men bringen meist die gesamte Umgebung in Bredouille, da Außenstehende befürchten, dass sie nicht rechtzeitig fertig werden. Wer allerdings schon mal versucht hat, diese Personen dazu zu bringen, früher anzufangen, wird feststellen, dass das nicht gelingt. Man kann mit Ihnen sogar darüber reden und ist schnell mit Ihnen einig, dass es doch besser wäre, früher konzentriert an die Aufgabe heran zu gehen. Es nützt allerdings nichts: So intelligent solche Personen in der Regel sind, so vielseitig interessiert und zerstreut sind sie auch. Sie können sich nicht soweit disziplinieren, dass sie rechtzeitig mit großen Aufgaben anfangen. Vom Gefühl her (nicht vom Kopf) glauben sie, dass sie noch viel Zeit haben und es auch dann noch schaffen können, wenn sie jetzt "noch mal kurz" was anderes machen.
Erst ordentlich Druck führt dazu, dass sie konzentriert arbeiten und alles andere wegdrücken. Das ist mit Tricks allerdings nicht so einfach zu machen, da wie schon erwähnt solche Last-Minute-Men meist recht intelligent sind, und sich von Pseudo-Druck nicht beeindrucken lassen.
Meine persönliche, nicht representative Erfahrung erlaubt den Schluss, dass solche Personen in der Schule nie Probleme hatten und bis zum Abitur meist einfach durchgerauscht sind. Sie mussten so gut wie nie lange Hausaufgaben machen, haben nie lange auf Klausuren gelernt und trotzdem ein sehr gutes Abi hingelegt. Kurzfristiges, schnelles, aber intensives Lernen hat meist gereicht. Sie waren erfolgreich, in dem sie unter hohen Druck in kurzer Zeit das erreicht haben, was gefordert war. Dieses Verhalten prägt den Last-Minute-Man in jungen Jahren und ist später kaum wieder "rauszukriegen". Im Studium ist es nicht so leicht, weil da eine Ein-Tages-Lernaktionen selten für einen Schein ausreicht; da muss man schon länger sitzen, ebenso wie an einer Diplomarbeit.
Last-Minute-Men leiden teilweise stark an diesem Makel, nicht kontinuierlich an einer langwierigen Aufgabe arbeiten zu können. Es ist keine Frage des Intellekts der ist zweifellos vorhanden sondern ein sich rechtzeitig überwinden können. Man muss gegen seine Gefühle und Gewohnheiten angehen, um etwas scheinbar einfaches zu erreichen: Rechtzeitig mit dem (stupiden) Arbeiten beginnen, um rechtzeitig fertig zu werden und dabei gute Qualität abzuliefern.
Viele Last-Minute-Men kommen mit dem Problem zurecht, da sie es oft noch rechtzeitig packen. Andere schaffen es oft nicht, brechen ab, fallen in eine Depression, zweifeln an sich selbst. Auch wenn solche Personen ihr Ziel irgendwie zur rechten Zeit erreichen, sind sie mit der Qualität der Arbeit völlig unzufrieden. Sie wissen, dass das Ergebnis viel besser hätte sein können -- angesichts ihrer Fähigkeiten und der Zeitvorgabe.
Gibt es eine Lösung? Personen, die selbst einigermaßen organisiert sind und ihr Leben durch planen meist in den Griff bekommen, fehlt das Verständnis für die Unkoordiniertheit echter Last-Minute-Men. Sie verstehen defacto nicht, warum solche Leute nicht rechtzeitig und kontinuierlich an Ihren Projekten arbeiten können und vieles aus ihrer Sicht "verschlampen". Auch gut organisierte Leute kennen die Unlust, mit etwas großem, eventuell unangenehmen anzufangen (weil es viel Arbeit ist, nicht weil man "fühlt", noch viel Zeit zu haben). Sie glauben, wenn man Termine schiebt und den Last-Minute-Men ein wenig terminlich entgegenkommt und anschiebt, dass man dadurch hilft. Das ist aber falsch.
Das einzige was hilft, ist, den Druck aufrecht zu erhalten und zu verstärken (ohne das der "Patient" aufgibt), Zwischenziele zu fordern und Termine stark nach vorne zu ziehen, ohne auch nur anklingen zu lassen, dass sie nicht echt wären. Zu Abgabeterminen sich stärker um die Person kümmern, Hilfen anbieten und ständig nachfragen (eben den Druck halten). Erst wenn der Termin (der vor dem echten liegt) verstrichen ist, Extra-Zeit gewähren.
Ein festes Terminkorsett hilft solchen Personen ungemein, man muss sich allerdings die Mühe machen, es auch durchzusetzen. Sich selbst solche Termine zu setzen, wenn man weiß, dass man das Problem selbst hat, hilft wenig. Es macht mehr Sinn, sich eine Person zu suchen, die Autorität hat und Druck glaubhaft ausübt. Erst nach Jahren dieser Art "Therapie" ändert sich das Verhalten peu a peu. Immerhin.
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