| Der Mensch muss lernen, um etwas wirklich zu begreifen. Lesen allein reicht nicht, zuschauen reicht nicht. Er muss selbst anpacken, selbst denken. Nur Wissen, was er mit vielen Sinnen erfahren hat, bleibt richtig haften und ist ständig parat. Das gilt für den Geist und auch den Körper.
Das Lernen ist also die einzige Methode, wirklich Wissen anzueignen. Aber mehr als das: es ist auch die einzige Methode, Wissen zu erhalten. Wer viel gelernt hat und nicht wiederholt, vergisst. Er hat noch das Gefühl zu wissen, tatsächlich ist vieles nach Jahren jedoch verschwunden. Erst das erneute Lernen und Durchdenken bringt das Wissen wieder in den Kopf. Bedenken Sie den Unterschied zwischen dem Gefühl, etwas zu wissen und es wirklich parat zu haben.
Lernen ist die Methode wie man selbst mental wächst und gedeiht, sich entwickelt und ändert -- schlicht in Bewegung bleibt: lebt. Denn Leben ist Bewegung und Veränderung. Was sich nicht mehr bewegt und ändert, ist tot.
Wissen, dass sich nicht ändert, ist tot. Es veraltet nicht nur schnell, sondern hat mit dem rasant sich ändernden Leben Stück für Stück nichts mehr gemein. Nur dynamisches Wissen passt zum Leben, das sich ständig weiterentwickelt.
Es macht daher wenig Sinn, einfach nur Wissen anzuhäufen, um zu glauben, hinterher wäre man unendlich schlau. Man muss ständig aufs Neue immer wieder das Durchdenken, Durchgehen, was man weiß und was neu ist und hinzukommt. Nur wer sein Wissen und seine Gedanken ständig in Frage stellt und neu bewertet, hat die richtige Intelligenz für das hier und jetzt. Nur wer seinen Kopfinhalt ständig auf Trab hält, umbaut und neu denkt, erhält seine Intelligenz.
Die Erfahrung mit der Menschheit und den Menschen zeigt, dass vor allem Kinder schnell lernen und sehr dynamisch mit Ihrem Wissen umgehen und umzugehen in der Lage sind. Die jungen Erwachsenen profitieren noch davon und glauben, sie würden immer noch lernen wie die Kinder. Vieles Wissen wird jedoch schon nicht mehr hinterfragt und veraltet. Der Mensch selbst nennt es Erfahrung und bemerkt nur schleichend, dass die Erfahrungen früherer Tage nicht mehr so recht zum aktuellen Leben passen. Je älter Menschen werden, um so weniger sind sie bereit, alle ihre gemachten Erfahrungen über Board zu werfen und neu zu bewerten und neu zu lernen. Sie werden nicht nur körperlich alt (auf der körperlichen Ebene gilt diese "Lerntheorie" genauso wie beim Geist), sondern auch geistig unflexibel. Im Gehirn sammelt sich vor allem Wissen, dass zu früheren Zeit gut gepasst hat, sich aber mehr und mehr von der Wirklichkeit entfernt.
Je mehr totes Wissen im Kopf ist, um so geringer ist der Antrieb, diese Unmengen in Frage zu stellen und "sich die Mühe zu machen", alles erneut auf den Prüfstand zu stellen. Der Geist bewegt sich, noch lebend, sicher auf den Tod zu, da er nicht mehr lernt und sich daher nicht mehr ändert und nicht mehr bewegt. Ohne Änderung und ohne Bewegung ist er tot.
Doch der Mensch lebt in Gemeintschaft und die jungen Menschen wollen lernen. Und sie lernen von sich und den anderen Menschen, die meist älter sind. Dabei passiert aber das, was so wichtig ist, wenn das Wissen im Kopf zum Leben passen soll: Die Erfahrung, das Wissen der Älteren wird von den Jüngeren nicht einfach kopiert und im Kopf abgelegt. Er wird neu durchdacht, geprüft, gegen anderes Wissen abgewogen, diskutiert und dabei intensiv gelernt. Damit erfolgt eine Anpassung des Wissen an das aktuelle Leben, an das Hier und Jetzt. Es wird neu gedacht. Das, was man als älterer Mensch tun müsste, um aktuell zu bleiben, geschieht automatisch, wenn man den jungen Menschen sein Wissen weitergibt. Durch die Übergabe des Wissens wird es aktualisiert.
So wird das Wissen, dass Menschen und die Menschheit für Ihr Leben brauchen, automatisch an die Zeit angepasst. Da älter werdende Menschen über weit mehr Wissen verfügen, als jüngere, können sie dieses nicht ständig komplett neu bewerten und aktualisieren. Der bequemere Weg (das Wissen einfach zu behalten und für gültig zu erachten) setzt sich durch, bis das Wissen tot ist und nur noch für ein paar Anekdoten reicht, die Kinder lustig finden.
Der Druck der älteren, Ihr Wissen weitergeben zu wollen, damit es nicht verloren geht und die Jungen etwas fürs Leben lernen, ist der perfekte Trick der Natur, das Wissen nicht nur weiterzugeben, sondern auch gleich für die aktuelle Zeit so umzuformen, dass es passt.
Wären Menschen unsterblich -- um jetzt auf das Thema der Überschrift zu kommen -- hätte das zur Folge, dass die weitaus meisten Menschen (da sie alle sehr alt wären und nur nicht sterben würden) nur über altes Wissen verfügten, das nicht zur Wirklichkeit passt. Das bringt sie in Konflikt mit dem sich ständig ändernden Leben. Selbst ihre (veraltete) Erfahrung und Macht würde nicht ausreichen, um im ständigen Konflikt mit der Jugend bestehen zu können -- denn ihr Wissen ist zu alt und die Jugend erfinderisch. Die Jugend probiert aus, wo Alte nur lesen und zuschauen. Wo Ältere glauben, zu wissen, weiß die Jugend es tatsächlich; weil sie es gemacht hat und nicht nur darüber gelesen hat.
Der Tod ist die zwingende Folge eines steigenden Unvermögens, sein Wissen und seine Erfahrung ständig neu aneignen und machen müssen (bei steigender Wissensmenge). Irgendwann hat man keine Lust (und vermeindlich keine Zeit), alles immer wieder neu zu durchdenken. Und damit ist der Anfang gemacht, sich von den schnellen Veränderungen des Lebens ein wenig abzukoppeln, nicht mehr Schritt zu halten. Und je größer die Lücke zwischen dem Wissen im Kopf und dem voranschreitenden Leben ist, um so geringer die "Lust", es noch einmal anzupacken. Der Weg in den geistigen Tod (und mit dem körperlichen ist es nicht anders) ist eingeschlagen.
Das Wissen, dass der Tod kommen wird, führt also dazu, das das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben und umgeformt wird. Man könnte meinen, dass dabei ja immer auch Wissen verloren geht. Das ist richtig, aber was nützt viel (und alt!), wenn es nutzlos für die heutige Zeit ist. Viel Wissen nützt gar nichts, wenn es nicht zur Realität passt. Dann ist viel Wissen einfach nur viel Ballast. Und was die Jugend als nicht mehr zeitgemäß erachtet, wird einfach vergessen oder weggelassen.
So bleibt das Wissen jedes Menschen (und damit der Menschheit) durch den Tod des einzeln erhalten. Ein Wissen, dass immer zu der jeweiligen Zeit passt und nicht veraltet, WEIL es weitergegeben wird!
Im Umkehrschluß gilt aber: Wer nicht früh alt werden will, muss sich körperlich und geistig fit halten (eine nicht wirklich neue Erkenntnis). Das heißt, er muss lernen und nachdenken, jeden Tag. Und sich bewegen und auch körperlich lernen.
Wie jung manche 80-Jährige hinter einer Ladentheke noch ist, liegt wohl daran, dass sie auf der Höhe der Zeit sein muss, um den Laden am Laufen zu halten. Und das geht nur, wenn man sich ständig auf dem Laufenden hält und neu lernt. Jeden Tag.
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