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    von VIdad Löhreg / 23.09.2003
Optimalst hyperlativ!
Der Hyperstlativ: das aktuellste, aussichtsloseste, optimalste Wörtchen, dessen gedankenlose Übersteigerung keine Grenzen kennt.
 
Die unmögliche, unnötige und unsinnige Steigerung von Adjektiven ist ein Phänomen unserer Zeit. Äußerlichkeiten sind wichtig, alles ist bunt, groß, schreierisch, soll Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Feine Betonungen und Unterscheidung sind nicht mehr gefragt und werden auch kaum noch wahrgenommen.

Das spiegelt auch die Sprache wieder. Statt sich mit Minimalismus und feiner Grammatik auseinander zu setzen und damit die Bedeutung einzelner Passagen und Wörter hervorzuheben, steigert der moderne Schreiber alle Wörter munter drauf los — ohne viel oder überhaupt nachzudenken. Er macht dabei auch nicht halt, wenn diese sich zwar grammatikalisch steigern lassen, inhaltlich dabei aber nur Unsinn herauskommt.

Ein typisches Beispiel ist "aktuellst". Die "aktuellsten" Informationen verbreitet mittlerweile auch die Tagesschau in Brennpunkt-Sendungen. Dabei ist "aktuell" gleichbedeutend mit "auf der Höhe der Zeit". Aktuelle Informationen lassen sich nicht von noch "aktuelleren" News toppen, sonst waren sie vorher nicht aktuell und hätten die Bezeichnung nicht verdient. Eine Steigerung ist unsinnig und unnötig.

Bei "einzigsten" und "optimalsten" Dingen ist der von mir so genannte Hyperstlativ noch einfach zu erkennen. Bei "sinnvoller" runzelt so mancher Zeitgenosse die Stirn -- was soll daran falsch übersteigert sein? Nun, das Wort besteht aus "Sinn" und "voll". Voll bezeichnet einen Zustand, bei dem eine Hülle vollständig mit etwas anderem gefüllt ist -- bis zur absoluten Grenze, eben "voll". "Voller" geht da nicht, am "vollsten" klingt so richtig grausig, aber "am sinnvollsten" steht ständig geschrieben. Ich höre da schon die Fragen, wie man denn etwas ausdrücken soll, das so richtig sinnvoll ist? Tja, da muss man wohl einmal nachdenken, bevor sich die passende Formulierung von allein einstellt.

Weitere Parade-Kandidaten der Kategorie "hyperstlativ" sind: perfekt, absolut, total, alles was auf -frei endet, also verzerrungsfrei, verlustfrei, aber auch herausragend, fehlerlos, sinnlos, bereit ...

Sie glauben, Ihnen passieren diese Fehler nicht? Ein Blick auf Autoren, Magazine und Kommentatoren unserer Zeit reicht, um Zweifel zu säen: Selbst Profis, die was auf Ihr Deutsch halten, machen diese Lapsi, wenn sie schreiben. Ob Süddeutsche Zeitung, ARD oder c't, die freudvolle Übersteigerung kennt keine graue Eminenzen, sie nistet in jedem Medienprodukt. Schauen Sie in die Liste am Ende dieses Textes.

Letztlich ist dieses fahrlässig sorglose Versteigern von Adjektiven nur ein Anzeichen von vielen für den lieblosen Umgang mit der eigenen Sprache. Wer Mehrzahl schreibt, wo Vielzahl gemeint ist, wer nach "weil" nur noch den Hauptsatz kennt, aber glaubt, er würde so etwas nie sprechen, benutzt die Sprache ohne Nachzudenken. Für viele sollte das völlig in Ordnung sein, ist die Sprache doch in erster Linie ein Kommunikationsmittel und erfüllt ihren Zweck, wenn die Nutzer sich fehlerlos verständigen können.

Wer Sprache aber in allen Facetten kennt und nutzt, sollte schon aus handwerklichen Gründen darauf achten, Nuancen einzusetzen und grobe Fehler zu vermeiden. Nur so kann er perfekt betonen und punktgenau formulieren, also steuern, was der Leser beim Lesen denkt. Wie viele Menschen es mit solch einem Anspruch allerdings noch gibt, lässt sich schwer feststellen. Bei Magazinen und Zeitschriften werden es offensichtlich kaum mehr.

Die Hyperstlativ-Liste:


c't 17/2002, Seite 116
"Die Bluetooth-Software hat sich [...] nicht merklich geändert, außer dass sie jetzt akkurater und betriebssicherer ist. "

Samsung-Werbung, August 2002
"Moderne Business E-Mail, die zuverlässiger, sicherer und hochverfügbarer ist."

Johannes B. Kerner, Fußballkommentar Championsleague
"Die Bayern wirken laufbereiter ..."

Martin Walser, 1993 (gefunden im Internet)
"Es gibt nur etwas, das noch sinnloser ist als Fußball: Nachdenken über Fußball."

Videoglossar auf www.agv.de/infothek, Mai 2001
"Das zeigt sich in besserer Bildqualität, saubereren Farben und besserer, weil verlustfreierer Kopierqualität."

Mercedes-Presseinfo zur PRE-SAFE, August 2002, Seite 4
"[...], die beim Crash eine frühzeitige Erkennung der jeweiligen Aufprallschwere und damit eine noch situationsgerechtere Steuerung des Beifahrer-Airbags in zwei Stufen ermöglichen."