| Die unmögliche,
unnötige und unsinnige Steigerung von Adjektiven ist ein Phänomen
unserer Zeit. Äußerlichkeiten sind wichtig, alles ist bunt, groß,
schreierisch, soll Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Feine Betonungen
und Unterscheidung sind nicht mehr gefragt und werden auch kaum noch
wahrgenommen.
Das spiegelt auch die Sprache wieder. Statt sich mit Minimalismus
und feiner Grammatik auseinander zu setzen und damit die Bedeutung
einzelner Passagen und Wörter hervorzuheben, steigert der moderne
Schreiber alle Wörter munter drauf los — ohne viel oder überhaupt
nachzudenken. Er macht dabei auch nicht halt, wenn diese sich zwar
grammatikalisch steigern lassen, inhaltlich dabei aber nur Unsinn
herauskommt.
Ein typisches Beispiel ist "aktuellst". Die "aktuellsten" Informationen
verbreitet mittlerweile auch die Tagesschau in Brennpunkt-Sendungen.
Dabei ist "aktuell" gleichbedeutend mit "auf der Höhe der Zeit".
Aktuelle Informationen lassen sich nicht von noch "aktuelleren"
News toppen, sonst waren sie vorher nicht aktuell und hätten die
Bezeichnung nicht verdient. Eine Steigerung ist unsinnig und unnötig.
Bei "einzigsten" und "optimalsten" Dingen ist der von mir so genannte
Hyperstlativ noch einfach zu erkennen. Bei "sinnvoller" runzelt
so mancher Zeitgenosse die Stirn -- was soll daran falsch übersteigert
sein? Nun, das Wort besteht aus "Sinn" und "voll". Voll bezeichnet
einen Zustand, bei dem eine Hülle vollständig mit etwas anderem
gefüllt ist -- bis zur absoluten Grenze, eben "voll". "Voller" geht
da nicht, am "vollsten" klingt so richtig grausig, aber "am sinnvollsten"
steht ständig geschrieben. Ich höre da schon die Fragen, wie man
denn etwas ausdrücken soll, das so richtig sinnvoll ist? Tja, da
muss man wohl einmal nachdenken, bevor sich die passende Formulierung
von allein einstellt.
Weitere Parade-Kandidaten der Kategorie "hyperstlativ" sind: perfekt,
absolut, total, alles was auf -frei endet, also verzerrungsfrei,
verlustfrei, aber auch herausragend, fehlerlos, sinnlos, bereit
...
Sie glauben, Ihnen passieren diese Fehler nicht? Ein Blick auf
Autoren, Magazine und Kommentatoren unserer Zeit reicht, um Zweifel
zu säen: Selbst Profis, die was auf Ihr Deutsch halten, machen diese
Lapsi, wenn sie schreiben. Ob Süddeutsche Zeitung, ARD oder c't,
die freudvolle Übersteigerung kennt keine graue Eminenzen, sie nistet
in jedem Medienprodukt. Schauen Sie in die Liste
am Ende dieses Textes.
Letztlich ist dieses fahrlässig sorglose Versteigern von Adjektiven
nur ein Anzeichen von vielen für den lieblosen Umgang mit der eigenen
Sprache. Wer Mehrzahl schreibt, wo Vielzahl gemeint ist, wer nach
"weil" nur noch den Hauptsatz kennt, aber glaubt, er würde so etwas
nie sprechen, benutzt die Sprache ohne Nachzudenken. Für viele sollte
das völlig in Ordnung sein, ist die Sprache doch in erster Linie
ein Kommunikationsmittel und erfüllt ihren Zweck, wenn die Nutzer
sich fehlerlos verständigen können.
Wer Sprache aber in allen Facetten kennt und nutzt, sollte schon
aus handwerklichen Gründen darauf achten, Nuancen einzusetzen und
grobe Fehler zu vermeiden. Nur so kann er perfekt betonen und punktgenau
formulieren, also steuern, was der Leser beim Lesen denkt. Wie viele
Menschen es mit solch einem Anspruch allerdings noch gibt, lässt
sich schwer feststellen. Bei Magazinen und Zeitschriften werden
es offensichtlich kaum mehr.
Die Hyperstlativ-Liste:
c't 17/2002, Seite 116
"Die Bluetooth-Software hat sich [...] nicht merklich geändert, außer
dass sie jetzt akkurater und betriebssicherer ist. "
Samsung-Werbung, August 2002
"Moderne Business E-Mail, die zuverlässiger, sicherer und hochverfügbarer
ist."
Johannes B. Kerner, Fußballkommentar Championsleague
"Die Bayern wirken laufbereiter ..."
Martin Walser, 1993 (gefunden im Internet)
"Es gibt nur etwas, das noch sinnloser ist als Fußball: Nachdenken
über Fußball."
Videoglossar auf www.agv.de/infothek, Mai 2001
"Das zeigt sich in besserer Bildqualität, saubereren Farben
und besserer, weil verlustfreierer Kopierqualität."
Mercedes-Presseinfo zur PRE-SAFE, August 2002,
Seite 4
"[...], die beim Crash eine frühzeitige Erkennung der jeweiligen Aufprallschwere
und damit eine noch situationsgerechtere Steuerung des Beifahrer-Airbags
in zwei Stufen ermöglichen."
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