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    von Vidad Löhreg / 23.09.2003
Prinzip des verwöhnten Kindes
Unsere Gesellschaft funktioniert nicht mehr wie früher: Das liegt an einem Prinzip, das jeder kennt und akzeptiert.
 
Ein Kind ohne Erziehung ist verzogen.

Das merkt man schmerzlich, wenn man auf solche Kinder trifft. Frech und altklug kommen sie daher. Wer als Kind nicht geführt, geleitet und gesteuert wird, büßt auch seine Kritikfähigkeit ein. Das Kind sieht Kritik nur als Anlass für einen Gegenangriff, ohne über die Kritik selbst nachzudenken. Wer seinen Kindern alles erlaubt und vieles durchgehen lässt, bekommt kleine Tyrannen als Dankeschön von der Natur.

Unterhält man sich mit Eltern, ist das eben Geschriebene als Common Sense (allgemein richtig) weitestgehend akzeptiert. Als Umkehrschluss ist Kritik also wichtig, Rahmen und Grenzen sind hilfreich und wer davon nichts erfährt, ist kaum noch in Bahnen zu halten.

Jetzt richten Sie bitte Ihren Blick auf die moderne, westliche Gesellschaft der Erwachsenen. Erwachsene können in den seltensten Fällen mit Kritik umgehen, lassen sich gar nichts sagen, weder von Eltern, moralischen Instanzen (wie etwa Kirchenvertretern), vom Chef oder gar vom Staat. Und wenn ihnen was nicht passt, wird gleich frech und altklug zurückgebrüllt. Man kommt sich vor wie in einem antiautoritären Kindergarten.

Glauben Sie bitte nicht, dass dabei irgendetwas "falsch" läuft. In einer Gesellschaft, in der der Kunde König ist, immer recht hat und sich fast alles leisten darf, wird solche Verhalten geradezu zielgerichtet antrainiert. Das ist das Prinzip des verwöhnten Kindes: Gib ihm immer alles, was es haben will. Das Ergebnis lässt sich täglich auf den Straßen und im Berufsleben bestaunen: Rücksichtslosigkeit, Kritikunfähigkeit und ein Unwille, Fehler bei sich zu suchen oder gar sich selbst anstrengen zu müssen, prägen das Bild. Wie verwöhnte Kinder.

Wohin das führt, lässt sich auch bei verwöhnten Kindern beobachen: Kritikunfähige Jugendliche bringen es selten zu Abschlüssen von Lehre oder Studium. Sie scheitern am Leben, weil man dort nur mit Rücksicht und Selbstkritik weiterkommt -- beruflich und persönlich. Ohne angenommene Kritik verkümmert die persönliche Weiterentwicklung.

Warum scheitern immer mehr Ehen? Nicht weil die Probleme größer, die Kinder schwieriger sind: Weil die Eheleute mit Kritik kaum noch umgehen können. Sie kritisieren schnell, nehmen aber keine Kritik an. Wer sich nicht ändern will und nur die Fehler des anderen sieht, muss sich dann folgerichtig trennen.

Wenn die westliche Gesellschaft nicht agiert, scheitert auch sie am Prinzip des verwöhnten Kindes, das sie momentan als Konsumgesellschaft noch vergöttert. Es wird Zeit für ein breites Umdenken; für die Einsicht, dass Kritik und Grenzen positiv und notwendig sind. Das funktioniert nur, wenn Eltern, Mitmenschen und Lehrer Grenzen setzen, sie durchsetzen und vermitteln, dass es ohne nicht geht.

Ein jeder sollte sich selbst fragen, wann und wie er in letzter Zeit sich und andere zu mehr Kritikfähigkeit und Nachdenken über sich selbst gebracht hat.

Das wäre ein hoffnungsvoller Anfang.